Zur Adaptivität kooperativer Lernformen im Mathematikunterricht der Grundschule –

Ko-konstruktives Mathematiklernen von Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen sprachlichen und mathematischen Kompetenzen (kLiMa)

Antragsteller

Jun. Prof. Dr. Birgit Brandt

Institut für Didaktik der Mathematik und der Informatik der Goethe-Universität Frankfurt ; z.Z. Vertretungsprofessur am Institut für Didaktik der Mathematik und Physik an der Leibniz-Universität Hannover

 

Dr. Marcus Schütte

Institut für Didaktik der Mathematik und der Informatik der Goethe-Universität Frankfurt; z.Z. ½ Vertretungsprofessur am Fachbereich Erziehungswissenschaft 5 - Didaktik der Mathematik - der Universität Hamburg


 

Antragszeitraum

3 Jahre (geplant: 01.03.2013 – 28.02.2016)


Zielsetzung

Im deutschen Schulsystem haben Kinder ohne einen ausreichenden Zugang zur Sprache des Unterrichts geringe Bildungschancen und erbringen meist unterdurchschnittliche Schulleistungen. Diese Tatsache ist vor allem deswegen beunruhigend, weil die Gruppe dieser Kinder keine zu vernachlässigende Randgruppe darstellt. Das Potenzial zum Lernen eines Großteils der in Deutschland zur Schule gehenden Kinder wird so nicht ausreichend genutzt (vgl. OECD 2006, S. 30). Die aktuelle Auseinandersetzung mit diesem Defizit des deutschen Schulsystems wirft auch Fragen in Bezug auf die erfolgreiche Teilnahme am Fach Mathematik auf, das in der Grundschule neben Deutsch als eines der beiden weichenstellenden Fächer für den Beginn einer erfolgreichen Schullaufbahn anzusehen ist. Das didaktische Grundproblem des Mathematiklernens auf der Grundlage unterschiedlichster Fähigkeiten der Lernenden wird so unter einem neuen Gesichtpunkt thematisch. Die sprachlichen Fähigkeiten, mit denen Kinder in den Schulunterricht kommen, nehmen starken Einfluss auf ihr Mathematiklernen. Zusätzlich wird über die Etablierung der mathematischen Kompetenzen der Kommunikation, der Argumentation und des Modellierens in den aktuellen Bildungsstandards der sprachlichen Verständigung über Mathematik ein zunehmend hoher Stellenwert zugewiesen. Gerade auf Verstehen ausgerichteter Mathematikunterricht, der nicht nur Verfahren und Kalküle vermittelt, stellt hier hohe Anforderungen an die sprachliche Verständigungskompetenz der Lernenden. Besonders günstige Gelegenheiten zum Lernen der Einzelnen im Kollektiv der Klassengemeinschaft in Form der Teilhabe an diesen sprachgesteuerten Verständigungsprozessen bieten Kooperative Lernformen (Peer-Learning). Diese Gelegenheiten zur individuellen Partizipation werden durch alle Beteiligten und somit auch die beteiligten Lernenden in kooperativen Lernarrangements auf der Basis materieller und räumlicher Gegebenheiten mitgestaltet. Für eine Entfaltung des adaptiven Potentials kooperativer Lernformen werden somit gerade auch die sprachlichen Fähigkeiten der Lernenden bedeutsam. Theoretische Ansätze zum Sprachlernen sollen daher genutzt werden, um der Fragestellung nach den adaptiven Wirkweisen verschiedener kooperativer Lernformen in Bezug auf die sprachgebundene Partizipation von Schülerinnen und Schülern an kollektiven mathematischen Argumentationen nachzugehen.

Mit Bezug auf die aktuellen Bildungsstandards sollen Sachrechenaufgaben im Inhaltsbereich Größen und Messen in Verknüpfung mit dem Inhaltsbereich Zahlen und Operationen zum Einsatz kommen. Die Vernetzung dieser beiden inhaltsbezogenen Bereiche fördert in besonderer Weise ein für die Zahlbereichserweiterung der weiterführenden Schule tragfähiges Zahlverständnis. Weiter stellt die Bearbeitung von Sachaufgaben hohe sprachliche Anforderungen, da neben den arithmetischen Kompetenzen auch sprachliche Kompetenzen notwendig sind, um ein adäquates Situationsmodell zur Bearbeitung der Aufgabe herzustellen. Sachrechnen kommt in einem auf Verständnis ausgerichteten, allgemeinbildenden Mathematikunterricht einerseits als Lernziel (Mathematik zur Umwelterschließung nutzen), andererseits als Lernprinzip (Sachsituationen als Grundlage für mathematischer Konzepte) (vgl. Winter 1985) eine hohe Bedeutung zu. Daher ist eine gezielte Förderung in diesem Bereich für den Bildungserfolg bei Schülerinnen und Schülern mit unzureichendem Zugang zur Unterrichtsprache notwendig (vgl. Rösch & Pätsch 2010). In Hinblick auf diese Schülerinnen und Schüler stellt sich somit zudem die Frage, ob und wie Schülerinnen und Schüler mit unzureichendem Zugang zur Unterrichtssprache Deutsch erfolgreich kooperative, auf sprachliche Verständigung ausgerichtete sozio-materielle Lernumgebungen nutzen können und inwieweit diese Lernformen somit zur integrativen fachlichen und sprachlichen Förderung aller Schülerinnen und Schüler im Mathematikunterricht der Grundschule beitragen können.